Buttons für Ilmenau
Für viele Ilmenauer Studenten heißt es mit Beendigung der Studienzeit, Abschied von der Wahlheimat zu nehmen. Als Schlusspunkt etablierte sich in den letzten Jahren die Feierliche Exmatrikulation an der TU. Das IfMK verabschiedet seine Absolventen – Medienwissenschaftler – im Anschluss daran noch in kleinem Kreise. Für den Termin Anfang Juli wurde die frisch gebackene Diplom-Medienwissenschaftlerin Anne Looks gebeten, für diesen Part eine Rede beizusteuern. Freundlicherweise dürfen wir ihren Text an dieser Stelle veröffentlichen.
Liebe Absolventinnen und Absolventen,
Als ich vor einer Woche gefragt wurde, ob ich nicht ein paar Worte sagen könnte, dachte ich mir zunächst: “Was soll ich denn da sagen?” Ich war mir sicher, ihr wollt nicht den ewig gleichen Rückblick hören. Angefangen von “Ja, ich gehe zum Studieren nach Ilmenau”, “Bitte wohin?”, “Ilmenau, in Thüringen, bei Erfurt” “In den Osten?”, “Bist du sicher?” über “Ach ist eigentlich doch ganz schön, die Studenten machen halt viel, es gibt sogar 4 Clubs” zu „irgendwie werde ich es auch vermissen”, “das Jeder kennt jeden”, “man trifft sich bei Kaufland, ob man will oder nicht”.
Nein. Ich dachte mir, passend zu unserer aller social network Affinität, die wir natürlich immer mit “ja, das ist für Studienzwecke” oder “ich schreib da wirklich eine Arbeit drüber” plausibel begründen können, verteile ich ein paar virtuelle “Gefällt mir” und Gefällt mir nicht mehr” Buttons an Ilmenau.
Ich fange mit der Rubrik “Gefällt mir nicht mehr” an:
Zuerst auf meiner Liste, etwas worüber sich sicher jeder in Ilmenau schon einmal riesig gefreut hat:
Heftige und urplötzlich einsetzende Regen- oder Hagelschauer, wenn man gerade: entweder mit dem Fahrrad den letzten Berg zur Vorlesung erklimmt und so richtig schön nass wird, oder noch mindestens 20 Minuten vor dem Club wartet und auf Einlass hofft. Dieser Regen kann natürlich auch je nach den zwei Jahreszeiten “Winter” oder “Nicht-Winter” beliebig durch Schnee, am besten kniehoch, ersetzt werden.
Auch ganz großartig, aber nicht wirklich vermissenswert:
Die stets gut gelaunten Mensafrauen, die einen etwas schräg aus dem Augenwinkel anschauen, wenn man seinen Studentenausweis vergessen hat, oder sich etwa erdreistet nach den Zutaten des vegetarischen Essens zu fragen und dann als Antwort hört: “Wieso, da ist doch nur Speck drin”?!
Was uns sicher auch nicht fehlen wird, sind spannende Vorlesungen wie “Elektrotechnik”, die sich hinter Euphemismen wie “Hardwaregrundlagen” verstecken. Und auch der tiefere Sinn von unzähligen Pizzabelägen, die wir in verschiedenen Datenbanken hinterlegt haben, hat sich mir noch nicht ganz erschlossen. Aber das kann ja noch kommen. Eine Karriere als Pizzabäcker vielleicht.
Kommen wir zur Rubrik “Gefällt mir”: Die ist etwas länger ausgefallen. Die Verklärung der Vergangenheit hat wohl schon eingesetzt.
Da wären: Die Grillschwaden, die im Sommer wie Nebel von der Mensawiese zum Stadtpark ziehen.
Die zahlreichen Events, die den kulturellen Notstand in Ilmenau etwas erträglicher gemacht haben. Viele Bergfeste, ISWI-Wochen, lange Nacht der Technik und vieles mehr. Welche ohne die engagierten Studenten in Ilmenau nicht möglich wären.
Das führt mich auch zum nächsten Punkt, was ich in Ilmenau sehr schätzen gelernt habe: Der starke Zusammenhalt unter den Studenten, das Gemeinschafts-Gefühl und Wir-Gefühl, das “wir sitzen alle in einem Boot”, das auch aus der Einstellung herrührt: “Okay, wenn wir schon mal hier sind, können wir auch das Beste daraus machen”.
Die zahlreichen Freundschaften und Bekanntschaften, die man hier knüpft und die meist noch weit über die Grenzen Thüringens hinausreichen.
Die Möglichkeiten, sich als Hiwi oder in einem der zahlreichen Vereine zu engagieren.
Und nicht zuletzt das Gefühl, das sich nach dem Praxissemester einstellt, wenn man merkt, „Hey ich kann doch was“! Und das auch noch stärker wird, wenn man endlich die große Hürde Diplom-, Bachelor- oder Masterarbeit aus dem Weg geräumt hat.
Wenn man diese 6 Monate mit grübeln, recherchieren, nachdenken, verwerfen doch gut überstanden hat. Den Kampf mit sich selbst und der Motivation gewonnen und die Zweifel an der Machbarkeit der Studie ausgeräumt hat. Wenn sich Fragen wie “was war noch mal abhängige und unabhängige Variable” oder viel existenziellere wie “wie soll ich das nur jemals in 6 Monaten schaffen” irgendwie von selbst erledigen.
Ich habe mir bei der Vorbereitung dieser Rede noch einmal unser Studium Revue passieren lassen und mir die Frage gestellt, „Was von all diesen Jahren blieb eigentlich wirklich hängen?“, „Wie hat uns das AMW-Studium weitergebracht und geprägt?“
Da darf zuallererst natürlich ein Wort nicht fehlen, das unser Studium recht treffend beschreibt: Die vielbesungene Schnittstellenkompetenz!
Aber was heißt das eigentlich?
Heißt das, man hat von jedem mal gehört, aber kann am Ende eigentlich nichts richtig?
Heißt das, man kann überall mitreden, die Details googlet man aber lieber noch mal bei Wikipedia?
Oder heißt das vielmehr, wir haben ein breites Grundverständnis, können schnell komplexe Dinge erfassen und analysieren und uns vor allem überall schnell und sehr souverän einarbeiten? Zum Beispiel ins „Redenhalten“, was man so auch noch nie vorher gemacht hat.
Die Antwort darauf, darf sich jetzt jeder selbst geben.
Noch etwas, das wir hier auf jeden Fall gelernt haben ist Teamfähigkeit. Denn bis auf die Diplomarbeit, kann ich mich eigentlich an kaum eine Aufgabe erinnern, die wir nicht gemeinsam bewältigt haben. Sei es in den zahlreichen Vorträgen und Hausarbeiten. Oder den diversen Lerngruppen vor schwierigen Klausuren, mit denen auch nicht unbedingt technikaffine Menschen wie ich etwa Telematik bestehen.
Natürlich gab es auch dabei nicht immer nur positive Erfahrungen, und bei dem ein oder anderen Treffen dachte man sich: “O Gott, im nächsten Semester mache ich nie wieder was mit dem!” Doch war das sicher schon eine gute Vorbereitung auf das bevorstehende Berufsleben, wo man sich Mitarbeiter ja auch nicht immer aussuchen kann.
Unerwähnt lassen möchte ich an dieser Stelle auch nicht unser Institut, das IfMK. Mit seinen wirklich tollen Mitarbeitern, die immer ein offenes Ohr und freie Termine für Treffen haben. Und das durch die Bank weg.
Angefangen von den Prüfungsamtdamen, die all deine Studienfragen geduldig beantworten. Über Dozenten, die mit dir die leidigen SPSS Auswertungen gerne noch mal persönlich durchgehen, bis du sie verstanden hast. Bis hin zum Professor, der sich extra die Zeit nimmt, mit dir deinen Fragebogen für die Diplomarbeit auch noch mal in allen Details durchzusprechen. Danke.
Ich denke, wir wurden hier ganz gut vorbereitet auf das was jetzt kommt. Auf unsere Stationen in Hamburg, München oder Berlin. Auf unsere Aufgaben in der Marktforschung, im Marketing, in der Spielebranche, im PR-Bereich oder wo wir sonst noch überall landen können.
Und worauf wir dabei wirklich immer bauen können, egal was wir tun, ist der Glaube an unsere Fähigkeiten. So dass wir nicht den Mut verlieren, auch wenn es mit dem Job im Anschluss ans Studium nicht sofort klappt. Sondern wir durchaus darauf vertrauen, dass die Jahre in Ilmenau nicht umsonst waren. Sondern wir hier viel gelernt, viele Hürden erfolgreich gemeistert und vor allem uns immer wieder selbst bewiesen haben.
Und wenn wir das verinnerlichen und uns bewusst machen, werden wir sicher auch alle zukünftigen Herausforderungen, die das Leben für uns bereithält, genauso gut bewältigen. Daher können wir eigentlich jetzt ganz ruhig und entspannt nach vorne blicken und freudig das erwarten, was da kommt.
Ich wünsche euch für die Zukunft alles Gute!
Vielen Dank.
Anne Looks
am 27. August 2010 um 11:58 Uhr.
Eine wirklich schöne Rede.
Doch sei von einem ehemaligen AMW-Studenten und Kommilitonen von Anne die Anmerkung erlaubt, dass aber auch immer die selben Klischees und Stereotypen über Ilmenau ausgegraben werden. Wo liegt Ilmenau? Was kann man da machen? Blödes Wetter, usw…
In meinen knapp fünf Jahren Ilmenau (und meiner Zeit bei der TA und der Campusseite) haben sich alle entsprechenden Reden, Beiträge und Kommentare stetig um die angebliche kulturelle Armut Ilmenaus gedreht und das es nur dem Engagement seiner Student zu verdanken ist, dass wir nicht alle im Alltag unserer Lehrpläne untergehen. Ich würde mir wünschen, dass zukünftige Reden diese dauernden “Ilmenauer Defizite” aussparen und direkt die vielen positiven Seiten dieser Stadt wie seiner Uni fokussieren.
Ilmenau will doch immer gen Zukunft streben, dann fangt doch mit den Reden an!