Zum Diplom eine Sporthalle
Eigentlich wollte René Schweitzer (31) in Ilmenau nur Medienwirtschaft studieren. Die fehlende Sporthalle an seiner Uni wurmte den Freizeitsportler so sehr, dass es bald zwei Ziele gab: das Diplom und ein Dach für den Hochschulsport. Die Wünsche wurden wahr, die Halle steht seit zwei Jahren, den Abschluss gabs vor wenigen Monaten. Im Interview spricht der Ilmenauer Absolvent über Studiendauer, Notendurchschnitt und die politische Macht von Studenten.

René Schweitzer im Jahr 2001, damals noch Student, mit 4200 Unterschriften für die Campus-Sporthalle. (Foto: cw)
Herr Schweitzer, Ihre Studienzeitbilanz ist außergewöhnlich: Sie waren als Studentenvertreter jahrelang in Uni-Gremien, kämpften erfolgreich für die Campus-Sporthalle und versuchten nebenbei Ihr Glück in Hollywood. Sind Sie der Prototyp eines neuen Ilmenauer Studenten?
Es ist wohl mehr die verbreitete Parole: “Ilmenau ist das, was Du draus machst!”. Das erfordert jedoch ein hohes zeitliches Engagement. Deshalb befürchte ich angesichts von Langzeitstudiengebühren und verschärften Prüfungsordnungen, dass Studenten sich immer weniger trauen in dieser Form zu engagieren. Somit halte ich mich mehr für ein Auslaufmodell als einen Prototyp. Das ist sehr bedauerlich und beunruhigend, da dieser Einsatz viel für die persönliche Entwicklung bringt, was das Studium nicht abdeckt.
So ein extremes Studentenleben fordert meist Opfer. Auch bei Ihnen?
Ein klares Ja, ich hätte sicherlich in kürzerer Zeit und mit besseren Noten abschließen können. Nur knapp bin ich den Langzeitstudiengebühren entgangen, so dass ich für mein Engagement dann noch hätte zahlen müssen. Freundschaften außerhalb Ilmenaus und Hobbies hätten durchaus mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt.
Vor dem Studium machten Sie eine Lehre als Bankkaufmann. Würden Sie diesen Weg heute wieder gehen?
In jedem Fall. Die Ausbildung und Arbeit bei der Deutschen Bank war für mich nicht nur wichtig zur Gewinnung von Impulsen für die berufliche Entwicklung, sondern hat mich mein Studium zielorientierter gestalten lassen, da ich die Anforderungen der Praxis bereits kannte. Von Netzwerk- und Sommerjobmöglichkeiten ganz zu schweigen. Diese Erfahrung im Finanzbereich war auch bedeutsam für meine Anstellung nach dem Studium.
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Sie arbeiten seit Anfang Februar bei einer renommierten Unternehmensberatung in Essen. War es schwer, diesen Job zu bekommen?
Das wichtigste ist sicherlich genau zu wissen was man machen will und wie man dem Unternehmen einen Mehrwert schaffen kann. Eine große Hilfe war, bereits vor und während des Studiums die Nähe zur Praxis gesucht zu haben. Zudem sollte man sich vom Noten-Hype nicht verrückt machen lassen – Persönlichkeiten werden gesucht und keine Streber.
Sie kommen aus Kassel, in Hamburg haben Sie gelernt. Wie verschlug es Sie in die Thüringer Provinz?
Meine hohe Medienaffinität hoffte ich als zusätzliche Motivation für ein engagierteres Studium der Medienwirtschaft zu nutzen und so war es auch. Reine BWL wäre mir zu trocken gewesen, auch wenn dies eine Absage an ein berufsbegleitendes Studium bei der Bank bedeutete. Hamburg zitiert sich zwar selbst gerne als den Medienstandort, bietet aber keinen derartigen Medienstudiengang. Ilmenau war und ist meines Wissens die einzige Hochschule wo man dieses Fach mit dem Abschluss Diplom-Kaufmann belegen kann. So ging es also vom Kiez zum Kickelhahn!
Sie waren eine treibende Kraft für den Bau der Ilmenauer Campus-Sporthalle. Wie kam es dazu?
Kurz nach Gründung des Flagfootball-Teams „Ilmrooster“ im Wintersemester `99 stellten wir auf schmerzhafte Weise fest, was es heißt auf Schnee und Eis trainieren zu müssen in Ermangelung einer überdachten Trainingsmöglichkeit. Im Sommer 2000 brachten wir diesen skandalösen Zustand beim Besuch von Bundeskanzler Schröder auf dem Campus in alle großen Fernsehnachrichten des Tages. Als im Oktober der Studentenrat einen neuen Sportreferenten suchte, sah ich meine Chance zum Handeln.
Für mich ging es auch ums Prinzip, dass sich Studenten von Politikern nicht hinhalten lassen. “Dranbleiben bis der Bagger kommt!”, war mein Ziel und siehe da, drei Jahre später war es soweit.
Schon 2001 beanspruchte die Politik und Uni-Leitung die Meriten für den Baubeschluss nach über vierzig Jahren Wartezeit. Wie hoch daran war eigentlich Ihr Anteil inklusive der studentischen Aktionen?
Das lief meiner Meinung nach Frei nach dem Motto: “Tue Gutes und rede darüber”. So gewinnt man Wahlen. Am Anfang regte ich mich noch darüber auf, später versuchte ich mir diese Berechenbarkeit zu Nutze zu machen. Maßgeblich war die vom Uni-Sportzentrum ins Leben gerufene und vom Stura-Sportreferat mit den “Ilmroosters” vorangetriebene Unterschriftenaktion, die gut zwei Drittel der Studenten gewinnen konnte. Die Übergabe dieser Petition war sicherlich kausal für den Baubeginn in 2003. Das 2004 eine Landtagswahl für die entscheidende Ministerin anstand, war diesem Umstand wohl nicht abträglich.
Wenn jedoch vom damaligen Rektor die Sporthalle “zur Chefsache” erklärt wird und sich daraufhin weniger tut als vorher, dann fragte man sich schon, ob dort noch auf aktuellem Job oder schon für den nächsten gekämpft beziehungsweise stillgehalten wird. Aber auch seitens der studentischen Gruppen hätte das Engagement höher sein müssen. Sportgruppen, die nach Eröffnung die ersten bei Beantragung von Hallenzeiten waren, hat man auf keiner Demonstration aktiv kämpfen sehen. Gleiches gilt für Vereine wie “Swing”, die nun in der Top-Location gerne die Inova durchführen, aber zu Zeiten wo sie einen Beitrag hätten leisten können, nicht zu finden waren.
Was passiert jetzt nach Studienende mit Ihrer Webseite www.campussporthalle.de?
Campussporthalle.de soll weiterhin online bleiben, um einerseits Campussportlern, die diese Trainings- und Wettkampfstätte nun als selbstverständlich hinnehmen, zu zeigen, was für jahrzehntelange Anstrengungen dahinter stecken. Ebenso soll diese Website zukünftigen Studenten ein “Denk-Mal” sein, was das Engagement einiger weniger bewirken kann und diese so vielleicht zur Gremienarbeit motivieren.
Momentan wird der Hauptwohnsitz von Studenten wieder einmal diskutiert. Wären Sie für eine Zweitwohnsitzsteuer oder mehr Anreize?
Die Betrachtung der Sachlage macht die ganze Diskussion schon hochgradig fragwürdig. Jemand der in Ilmenau studiert, wird mindestens fünf Jahre seinen Lebensmittelpunkt dort haben. Es kann nur logische Konsequenz sein, den Hauptwohnsitz anzumelden, da die Stadt für jeden Einwohner mehr Geld bekommt.
Ein vielleicht wichtigerer Punkt ist die potenzielle politische Macht, die fast 7000 Studenten als Bürger in einer 32.000-Einwohner-Stadt über Wahlstimmen aktivieren könnten. Leider lassen sich zu viele noch über Auto-Kennzeichen- und Versicherungsmissverständnisse von der Wahrnehmung ihrer eigenen Interessen abhalten. Wenn Zweitwohnsitzsteuer also hilft, dieses Manko zu heilen, dann bitte. Ausreichend Anreiz besteht über den Zuschuss zum Semesterbeitrag, dieser sollte aber auf 100 Prozent erhöht werden.
Ein anderes aktuelles Thema ist die Kündigung des Mietvertrages der Alten Försterei seitens der Stadt mit dem “KuKo e.V.” Als Grund wurde auch die kaum umgesetzte Belebung des Hauses angegeben.
Als jemand der dort schon seinen Geburtstag gefeiert, mehrere Partys, Theaterstücke und Konzerte besucht hat, erscheint mir diese Begründung mehr als fragwürdig. Schließlich hatte die Stadt sich bei der Vermietung an den “KuKo e.V.” eingestanden, dass sie eine Belebung selbst nicht schafft. Wer sollte dazu besser geeignet sein, als der Kulturverein einer Universität mit 7000 Studenten?
Gibt es ein Projekt oder ein Thema, dass Sie nach sieben Jahren Ilmenau immer noch als Baustelle sehen?
Wie schon gesagt, ein von Studenten immer noch unterschätzter Punkt ist die Möglichkeit der Mitbestimmung in der Stadtpolitik. Wenn man sich hier mehr zum Hauptwohnsitz, also zum Bürgerstatus durchringen könnte, dann wäre eine studentische Liste möglich. Mit der Mehrzahl der 7000 Studenten-Stimmen als neue Fraktion und starke Kraft im Stadtparlament. So wäre man in der Lage, die Stadt um etwas zu Gunsten der Studenten nicht zu bitten, sondern es einfach zu fordern beziehungsweise zu beschließen.
Was ist aus Ihrem Traum geworden, in die Filmfinanzierungsbranche einzusteigen? Immerhin waren Sie für ein Praktikum in Los Angeles und auch Ihre Diplomarbeit ist zu dem Thema.
Die Realisierung dieses Traums hat schon begonnen, da ich in meinem jetzigen Wirkungskreis als Unternehmensberater für die Unterhaltungsbranche tätig bin. Ich habe so die Möglichkeit verschiedenste Problemstellungen quer durch die Branche kennenzulernen. Finanzierung ist auch da immer das zentrale Thema. Einen späteren Wechsel in die Hauptstadt der Unterhaltungsindustrie will ich nicht ausschließen. In L.A. ist man eben doch näher an neuesten Projekten und Strukturen dran.
Was war die wichtigste Lektion, die Sie in Ilmenau gelernt haben?
Das man alles erreichen kann, wenn man nur wirklich will und unerschütterlich daran glaubt.
Nie wieder denken: “Ich alleine bin zu klein um etwas zu verändern”. EIN Mensch macht den Unterschied! Die wahre Bedeutung von Freundschaft und Team lernt man dann ganz von selbst.
Vielen Dank für das Gespräch.
Das Gespräch führte Christian Werner.
am 6. März 2007 um 08:02 Uhr.
Sehr gut Herr Schweitzer!
Grüße
Ben
am 21. März 2007 um 13:05 Uhr.
Man sollte das Ding René Schweitzer Halle nennen!
Lob und Anerkennung für einen altgedienten FSR Kollegen.
Seppo