Mister Campuskultur

Er kam zum Studieren nach Ilmenau, wollte schnell wieder weg und blieb doch über eine Dekade bis zur Promotion. Thorsten Strufe, 35 Jahre, saß in fast jedem Uni-Gremium, hinter der Bar im Studentenclub und machte nebenbei akademische Karriere. Im Interview spricht der ehemalige TU-Mitarbeiter über Schlammwege, eine zweite Familie und den drohenden Verlust von Standortvorteilen.
Herr Strufe, nach fast 13 Jahren Ilmenau haben Sie der Hochschule und der Stadt Anfang des vergangenen Jahres den Rücken gekehrt. War es an der Zeit?
Moment, ich gehöre nicht zu den sofort Fahnenflüchtigen. Nach meinem Studium habe ich auch noch in Ilmenau promoviert.
Muss man Ilmenau irgendwann verlassen?
Man muss nicht, auch in Ilmenau gibt es Stellen in der Wissenschaft, aber schwieriger als woanders und nicht so oft hoch dotierte. Und wer, wie ich, in der Wissenschaft arbeiten will, hat keine andere Wahl als zu gehen. Das liegt aber nicht an Ilmenau, es ist üblich zwischen Universitäten zu wechseln.
Sie zog es zuerst ins Ausland. Warum?
Um auch in zehn Jahren eine Chance auf die interessanteren Stellen zu haben, muss man als Wissenschaftler ins Ausland gehen. Realistischerweise muss man sagen, wer eine Chance auf überhaupt eine unbefristete Stelle in Deutschland haben will. Deshalb hatte ich mich in Schweden und in Frankreich beworben. In Frankreich bekam ich eine Stelle in Sofia-Antipolis an der Eurecom, einer kleinen, internationalen, halbprivaten Universität, die eine reine Masterausbildung macht.
Warum Frankreich?
Die meisten zieht es nach der Promotion in die USA. Dort gibt es mehr Stellen und mehr Geld. Das kam für mich damals aber aus privatpolitischen Gründen nicht in Frage, außerdem wolle ich in Europa bleiben. In Schweden bekam ich dann leider eine Absage. Meine Freundin kommt außerdem aus Französisch-Kanada. Von daher passte das ganz gut.
Die Eurecom ist auch eine kleine TU. War das Zufall oder Absicht?
Ich wäre auch an eine größere Uni gegangen. Zum Beispiel nach Paris, wo ich mich auch bewarb. Ich freue mich aber, dass es wieder eine kleine geworden ist. Denn das hat den riesengroßen Vorteil, dass man enger miteinander arbeiten kann, kurze Wege hat und die Gesichter der Leute kennt.
Jetzt arbeiten Sie wieder in Deutschland. Hatten Sie Heimweh?
Nein! Aber es gab ein Angebot sich auf eine Juniorprofessur an der TU Darmstadt zu bewerben – und dahin wurde ich prompt berufen. Dabei war meine Vita wichtig: es gab mehrere sehr gute Bewerber, aber ich brachte Gremienerfahrung aus Ilmenau mit und den Aufenthalt im Ausland bei Eurecom. Eigentlich wollte ich Frankreich nicht so schnell verlassen, aber die TU Darmstadt hat einen exzellenten Ruf.
Sie kommen aus Hamburg-Pinneberg, nebenbei bemerkt, Heimat der deutschen Hip-Hop-Gruppe Fettes Brot. . .
Richtig. Gibt es die überhaupt noch? Ich glaube, die sind sogar mein Jahrgang.
Besuchten Sie die gleiche Schule?
Nein, die waren auf einer anderen.
Fünf Jahre nach der Wiedervereinigung gingen Sie als Westdeutscher an eine kleine Uni im Osten. Wie kam es zu der Entscheidung?
Das hatte mehrere Gründe. Einer war, dass die DDR für mich kein fremdes Land war. Bereits vor der Maueröffnung war ich viel im Osten, wir hatten Familie in Rostock. Ich kenne Leute, die waren bis heute nicht in den neuen Bundesländern. Für die war meine Entscheidung eher ungewöhnlich. Mir ist schon früh aufgefallen, dass ich mit den Charakter-Eigenschaften der „Ossis“ gut klar komme. Vieles ist freundlicher, herzlicher und persönlicher – zumindest als in Hamburg. Und es gab einen mehrseitigen Artikel im Stern über die guten Unis im Osten mit wenig Studenten.
Und warum fiel Ihre Wahl auf Ilmenau?
Gute Frage. In dem Beitrag stand was über einen tollen neuen Professor und Ilmenau hatte sowieso einen guten Ruf. Ich kannte auch ein paar Leute, die dort studierten, mit denen habe ich telefoniert. Die sagten zwar, es sei typisch Osten: die Wege sind Matsch und überall fahren Rennpappen. Aber studieren ließe es sich prima.
Was hat sich seit Ihrem Studienbeginn am meisten in Ilmenau verändert?
Früher lebten alle Studenten auf dem Campus und blieben auch die meiste Zeit dort. Und der Campus hat sich massiv zum Besseren entwickelt. Gebäude, Wege, einfach alles sieht viel schöner aus als damals und ist sehr, sehr viel luxuriöser. Als ich anfing waren wir noch viel weniger Studenten. Das ist eine nicht nur positive Entwicklung, denn Vorlesungen sind voller, Mitarbeiter hingegen wurden weniger. Ich glaube, der Uni ging es früher materiell viel besser.
Trotzdem sind Sie fast 13 Jahre geblieben.
Das hatte fachliche und persönliche Gründe. Nach zwei Semestern in Ilmenau nahm ich mir fest vor, nach dem Vordiplom zu gehen. Also maximal zwei Jahre und dann nichts wie weg. Wenn man in Hamburg aufgewachsen ist und lebt plötzlich in einer Stadt wie Ilmenau das ist schon sehr klein. Dazu das Stadtbild: baufällige Häuser und Straßen und, wie gesagt, vom Hörsaal bis nach Hause nur durch Matsch waten. Irgendwann begann ich neben dem Studium mich in Gremien und Vereinen zu engagieren und lernte schnell viele Leute kennen, mit denen man verlässlich Projekte stemmte. Ich merkte, an dieser kleinen Uni kann man was reißen.
Und nach dem Studium. . .
. . .hatte ich mehrere Jobangebote. Das war noch vor dem Platzen der New-Economy-Blase und es hätte richtig viel Geld gegeben. Ich entschied mich für eine Promotionsstelle in Ilmenau: Ich kam mit meinen Dozenten prima aus und wollte in der Wissenschaft bleiben. Vielleicht auch, um den nächsten Studentengenerationen etwas von der guten Betreuung, der Atmosphäre mit- oder sagen wir zurück zu geben.
Fassen wir Ihre Gremien- und Vereinstätigkeit kurz zusammen: Sie waren vier Jahre im Studentenrat, fünf Jahre im Uni-Konzil, sieben Jahre im Studentenclub, davon zwei Jahre im Vorstand sowie Mitglied im Kuratorium, in Kommissionen, Ausschüssen, Arbeitsgruppen und Helfer bei der Internationalen Studentenwoche. Man könnte meinen, nur für das Rektorenamt haben Sie nicht kandidiert.
(lacht) Im Senat war ich zum Beispiel auch nicht.
Was trieb Sie dazu, so aktiv zu sein neben Studium und Arbeit?
Zum einen, wenn man merkt, man kann Sachen bewegen, beeinflussen und Verantwortung übernehmen, dann ist das wie eine Sucht. Zum anderen, hat man erfolgreich gezeigt, dass man was kann, wollen alle, das man weiter macht. Wenn ich ein Projekt beendet hatte, stand schon der nächste mit einem Problem auf der Matte.
Wie oft kämpft man da gegen Windmühlen, vor allem in den Gremien?
Oft. Ein Beispiel: Voriges Jahr wurden an der TU Ilmenau die zwei Prüfungszeiträume abgeschafft, für deren Erhalt ich zehn Jahre gekämpft habe. Jetzt gibt es nur noch einen pro Semester und die Studenten wundern sich, warum sie mit dem Lernen nicht nachkommen. Die Professoren freuen sich, weil sie nur noch einmal Aufwand haben und nur einen Zeitraum vor Ort sein müssen. Sie haben die stärksten Stimmen in den Gremien, also haben sie das so entschieden. Das war sicher nicht böswillig, aber Bequemlichkeit.
Einmal traten Sie zu einer Konzilwahl an, um gegen “Elite-Denken und die Einführung von Prüfungsschikanen” zu kämpfen. Was meinten Sie damit?
Viele Professoren und Politiker haben oft die Vorstellung vom faulen Studenten und wollen deshalb nur die Elite fördern. Alle anderen sind egal. Der größte Teil der Studenten ist aber eben nicht faul und die darf man nicht hängen lassen. Ich habe meine Promotion zwar mit Auszeichnung gemacht. Aber unter uns gesagt, als Student war ich auch nicht immer das große Licht. Jeder hat mal einen Hänger. Wenn man dann pauschal aussortiert wird, das widerstrebt mir. Wir haben in Deutschland sowieso zu wenig Absolventen.
Und die Prüfungsschikanen?
Die spielen in das Thema mit rein. Manche Dozenten führen gern Zwischenprüfungen ein oder machen Klausuren extra schwer, damit weniger Begabte rausfallen. Da sind wir wieder bei der Bequemlichkeit. Denn so spart man sich Arbeit: man hat weniger Problemfälle, um die man sich kümmern muss. Jeder wünscht sich natürlich, dass alles dem einfachsten und eigenen Weg entspricht. Aber es geht hier immerhin um Lebensläufe.
Am längsten hielten Sie als Vereinsmitglied dem bc-Studentencafé die Treue. Warum fiel unter den fünf Studentenclubs Ihre Wahl auf das Café?
Ganz einfach: ein Café-Mitglied hat so lange auf mich eingeredet, bis ich eingetreten bin. Sehr schön fand ich dort das Familiäre, das Menschliche – jeder kümmerte sich um jeden.
Viele Ilmenauer Campus-Vereine sehen ihre eigene Existenz und damit diese Studentenkultur durch das Bachelor- und Mastersystem gefährdet. Sie auch?
Definitiv! Es bleibt kaum Zeit für Dinge neben dem Studium: Bachelor-Studenten sind oft nach dreieinhalb Jahren wieder weg und die Lehrpläne sind extrem vollgestopft. Hinzu kommen Langzeitstudiengebühren. So bleibt vieles auf der Strecke. Das ist schlecht für die TU und für Ilmenau, weil man mit noch weniger Pfunden wuchern kann. Nehmen Sie mich: Ich bin länger in Ilmenau geblieben wegen des schönen Studienumfeldes.
Sie haben in Ilmenau die Einführung von Bachelor und Master in einer Arbeitsgruppe begleitet. Wie schätzen Sie diese Studiengänge ein?
Rein fachlich halte ich das Diplom viel sinnvoller. Ich habe die begründete Angst, dass viele Studenten nach dem Bachelor nicht mehr weiterstudieren können, weil ihre Förderer, zum Beispiel die Eltern, nicht mehr bereit sind das Studium zu zahlen. Hauptsache ein Studienabschluss, so die Denkweise. Das ist aber falsch. Mit einem Bachelor ist man meist noch kein studierter Akademiker.
Sie haben die Entwicklung vom Studenten zum Dozenten selbst mitgemacht. Was ist der größte Irrglaube, den Studenten über ihre Lehrer haben?
Dass Dozenten alles besser wissen. In ihrem Spezialgebiet tun sie das auch, darüber hinaus aber wissen sie meist auch nicht so sehr viel mehr.
Was war das Wichtigste, das Sie in Ilmenau gelernt haben?
Das war so viel. . . Zum Beispiel der Umgang mit Menschen. Am wichtigsten war für mich aber das wissenschaftliche Arbeiten.
Gespräch: Christian Werner
(Fotos: cw)
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am 25. Januar 2010 um 00:47 Uhr.
Schönes Interview! Verstehe nur nicht, was am Master-Studium nun teurer sein soll, als an den Semestern 7 bis 10 des Diploms. Mehr zahlen muss schließlich nur, wer nicht-konsekutiv im Master studiert…
Aber das nur als Randnotiz
Gruß,
Felix