Musikus im Maschinenbau

Letztes Wochenende trat er mit “5idelity” beim “Tonart”-Festival in Ilmenau und bei Europas größtem A-cappella-Festival in München auf. Musik ist die große Leidenschaft des Ilmenauer Maschinenbau-Studenten Per Kothe, der gleich bei mehreren Projekten mitspielt. Erst vor gut einer Woche holte er mit der Jenaer Band “Dachterrasse” den “Thüringen Grammy”. Im Interview erklärt der 24-jährige wie er Studium und Hobby meistert und warum Studenten die geübteren Musiker sind.

Herr Kothe, Glückwunsch zum “Thüringen Grammy”. Was war ihr erster Gedanke nach der Siegerverkündung?

Ich dachte nur ‘Wow…’, weil alles so schnell ging. Ich bin ja erst seit einem Monat dabei. Da ist klar, dass man allein die Idee, beim “Thüringen Grammy” dabei zu sein, schon krass findet.

Was bedeutet der Thüringer Preis für Sie als gebürtigen Westfalen?

Die fünf Jahre in Thüringen waren musikalisch meine aktivsten. Darum ist es für mich natürlich großartig, dafür belohnt zu werden, für was man sich lange bemüht hat. Zu Hause habe ich musikalisch das Laufen gelernt und dann hier in der flexiblen Studienzeit das Beste draus gemacht.

Mit “Dachterrasse” spielte die einzige deutschsprachige Band im Finale. War das ausschlaggebend für den Sieg?

Ich sehe in den deutschen Texten einen großen Vorteil, weil man beim ersten Hören unsere Inhalte verstehen kann und wir natürlich so anders fesseln können. An dem Abend lief alles sehr rund bei uns. Den größeren Abstand zu anderen Bands im Vergleich zum Vorausscheid würde ich dann eher darauf
schieben, als auf die Texte.

Gibt es schon eine Idee für den gewonnenen Video-Dreh?

Das Video soll dieses Jahr noch fertig werden und die Band diskutiert fleißig darüber, welches Lied denn überhaupt das Rennen machen wird. Sich mit nur einem Lied des Repertoires repräsentieren zu müssen ist ganz schön hart.

Sie spielen wie gesagt erst seit einem Monat bei “Dachterrasse”. Wie sind Sie denn zu der Band gekommen?

Über die Musikschule Ilmenau kam ich damals zum Landes-Jugendchor Thüringen, von da zum Musical “Honk!” am Theater Arnstadt. Dort habe ich zwei Jahre lang mit Robert Amarell – unserem Frontmann – zusammen gespielt, gesungen und Spaß gehabt. Als der “Dachterrasse”-Keyboarder wegen einer Weltreise ausfiel, bat Robert mich um Hilfe bei einem Gig auf dem Jenaer Marktplatz. Er wusste wohl, dass ich Blut lecken würde und nahm mich drei Tage später zum Vorausscheid des “Thüringen Grammy” mit. Seitdem bin ich dabei. Als ob jemand dem Charme der Band widerstehen könnte…

Gleich drei Ilmenauer spielen in der Band. Ist das Zufall oder sind Stadt und Uni der Musik förderlich?

Wir haben schon bei den Vorausscheiden gemerkt, wie hoch die Banddichte der Uni-Städte Ilmenau, Jena und Erfurt ist. Das Umfeld mit mehreren tausend Gleichaltrigen, die ihre Zeit deutlich flexibler einteilen können als die arbeitende Bevölkerung ist eine geniale Voraussetzung für eine Band. Schwierig ist aber die Probenraumsuche. Noch schöner wäre es übrigens, wenn ich öfter am Flügel im Audimax hätte üben können.

Ihre musikalischen Präferenzen liegen beim Singen. Fällt es Ihnen schwer, mal nicht der umjubelte Frontmann zu sein?

Ich muss sagen, dass es gut tut, mehr öffentlich mit meinem ältesten Instrument zu machen. Ich spiele Klavier, seit ich sechs bin. Singen kam erst mit 18 dazu, als ich das nicht mehr so peinlich fand. Nicht im Mittelpunkt zu stehen kann auch sehr stressfrei sein. In Roberts Haut hätte ich mindestens die zwei Stunden vorm Auftritt im Finale nicht stecken wollen. Ich hatte ja so schon einen Ruhepuls von 128.

Vor zwei Wochen waren Sie mit “5idelity” im Musiker-Camp in Celle, jetzt der “Thüringen Grammy”. Wann studieren Sie eigentlich?

Ich bin sehr froh, jetzt mein Praxissemester anzutreten. Dadurch habe ich noch drei Wochen komplett freie Zeiteinteilung. Ohne die hätte ich vermutlich an sehr schmerzhaften Stellen bei der Musik kürzen müssen. Gerade wegen Celle konnten wir zum Beispiel nur letzte Woche in Jena für den Grammy proben. Nach der Grammy-Nacht saß ich übrigens nach drei Stunden Schlaf morgens um acht schon wieder im Zug gen Westen für zwei Konzerte mit dem Landes-Jugendchor NRW. Mein Praxissemester verbringe ich beim Mikrofonhersteller Sennheiser. Für mich das ideale Bindeglied zwischen Technik und Musik.

Sie flirten ja öfters mit anderen Musikprojekten, etwa mit “Second Unit Jazz”. Studieren sie als künftiger Maschinenbauer nicht das falsche?

Ich hatte natürlich eine schlimme Selbstfindungsphase. Nachdem mich die gleichzeitigen CD-Produktionen von “5idelity” und meiner anderen A-capella-Gruppe “Chairwalks” im Juli 2003 ein Semester im Studium zurückwarfen, hab ich ab da nur noch aufgeholt. Was nicht gut klappt macht natürlich keinen Spaß. Ich habe mich später zwei Semester tiefer stufen lassen und seitdem geht es wieder. Das Gefühl, Letzter zu sein, war wohl das, was störte und über einen Wechsel in die Musikrichtung nachdenken ließ.

Sie möchten demnach nicht Berufmusiker werden?

Wenn man mitbekommt, wie sich geniale, studierte Musiker verkaufen müssen, um vernünftig leben zu können, ist mir ein Kompromissweg lieber; romantische Ideen wie ein Halbtagsjob als Maschinenbauer mit sicherem Einkommen und genug Freizeit, um die Musik machen zu können, die mir Spaß macht. Nur von Musik leben zu müssen stelle ich mir sehr schmerzhaft vor. Auch beneide ich sorgenfreie Musiker, die genial musizieren und dabei ruhigen Gewissens glauben dürfen, dass Hemiolen Blumen sind. Mein Kopf bremst mich jetzt schon zu sehr und ich sehe es für mich nicht als sehr hilfreich an, noch theoretischer an Musik heran zu gehen. Ich hoffe auch, bei meinem Praktikum bei Sennheiser eine Sparte der Feinwerktechnik zu finden, mit der ich glücklich werden könnte.

Wann spielen “5idelity” um den Thüringen Grammy?

Wenn wir voll ausgerüstet mit sogenannten Tretminen unsere erste authentische Rocknummer auf die Bühne zaubern. Tretminen nannten die Gitarristen in Celle ihre Effektgeräte auf dem Fußboden.

Vielen Dank.

Das Gespräch führte Christian Werner.

(Fotos: cw, privat)

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